Distributions-Mechanik: Die Reklamation, die nie eine war
Es gibt eine Zahl in unserem Geschäft, über die niemand gern spricht, weil sie für alle Beteiligten peinlich ist: Ein erheblicher Teil der Geräte, die als defekt…
Es gibt eine Zahl in unserem Geschäft, über die niemand gern spricht, weil sie für alle Beteiligten peinlich ist: Ein erheblicher Teil der Geräte, die als defekt eingeschickt werden, ist kerngesund. Kein Fehler, kein Bauteil, nichts. Falsch konfiguriert, falsch gepaart, falsches Netzteil, nie eingewiesen – oder ein Anwender, der etwas anderes erwartet hat, als das Gerät je konnte. Die Branche hat dafür ein wunderbar entschuldigendes Kürzel erfunden: »kein Fehler feststellbar«. Jeder, der ein Servicecenter betreibt, kennt seinen Anteil ziemlich genau. Er sagt ihn nur nicht laut.
Der Reflex, das dem Anwender in die Schuhe zu schieben, ist menschlich und trotzdem falsch. Denn bezahlt wird dieser Vorgang nicht vom Anwender. Bezahlt wird er von Dir. Rechne mit: Hin- und Rückversand zusammen 30 Euro. Prüfaufwand, auch wenn am Ende nichts gefunden wird, kalkulatorisch 45 Euro. Deine eigene Zeit für Annahme, Erfassung, Rückfragen und Hinterhertelefonieren, großzügig eine Stunde zu 75 Euro. Und dann die Woche, in der beim Kunden ein Arbeitsplatz stillsteht. Selbst wenn wir den letzten Punkt großzügig unterschlagen, bist Du bei 150 Euro. Zwanzig solcher Fälle im Jahr sind 3.000 Euro. Sie tauchen in keiner Auswertung auf, weil sie sich brav über zwölf Monate verteilen – wie alle wirklich teuren Dinge.
Und jetzt der unbequeme Teil: Die meisten dieser Fälle wären mit zwanzig Minuten Telefon erledigt gewesen. Keine Schulung, kein Prozess, kein Servicevertrag, kein Projekt mit Lenkungsausschuss. Ein Anruf, in dem jemand fragt: »Was genau passiert, wenn Du auf den Knopf drückst?« In der Mehrzahl der Fälle ist die Sache damit vom Tisch. Deshalb halte ich Support nicht für einen Kostenblock, sondern für den wirksamsten Hebel auf Deine Reklamationsquote, den es gibt. Und rein zufällig ist er auch der billigste.
Ein zweiter Punkt wird fast immer unterschätzt: Eine Rücksendung ist auch ein Vertrauensvorgang. Dein Kunde hat gekauft, es lief nicht, er hat eingeschickt – und drei Wochen später kommt das Gerät zurück mit dem Vermerk, es sei alles in bester Ordnung. Aus seiner Sicht steht auf diesem Zettel: »Es lag an Dir, und geholfen hat Dir keiner.« Du hast in der Sache völlig recht und den Kunden trotzdem verloren. Beim nächsten Rollout erinnert er sich nicht an Deinen guten Preis, sondern an diese drei Wochen. Recht haben und Geschäft machen sind bei uns zwei verschiedene Disziplinen, und man kann in der einen Meister sein und in der anderen absteigen.
Was konkret hilft: Erstens eine Erstaufnahme mit vier Fragen, die immer dieselben sind. Seit wann? Bei allen Geräten oder nur bei einem? Was hat sich zuletzt geändert – Firmware, Netzwerk, Standort, Zubehör? Und: Läuft das identische Gerät an einem anderen Arbeitsplatz? Diese vier Fragen sortieren die Hälfte der Fälle aus, bevor irgendwer einen Karton anfasst. Zweitens: Austauschgerät vor Ort, wo es geht, statt Einsendung. Drittens – und das ist der Teil, der Überwindung kostet – nimm Dir Deine eigenen Fälle einmal im Quartal vor und zähl, wie viele »kein Fehler« waren. Die Zahl überrascht jeden. Mich damals auch.
Das sage ich ausdrücklich auch in unsere eigene Richtung. Ein Distributor, der Rücksendungen nur abwickelt, statt vorher zu helfen, macht es sich zu bequem: Für ihn ist der Vorgang sauber abgeschlossen, für Dich ist es ein Kunde, der schlecht über Dich denkt. Die Frage an Deinen Lieferanten lautet deshalb nicht »Wie schnell wickelt Ihr eine RMA ab?«. Sie lautet: »Was tut Ihr dafür, dass ich sie gar nicht erst brauche?« Die Antworten darauf sind erstaunlich aufschlussreich. Manche Gesichter dabei auch.
Es gibt einen Grund, warum ich hier so ausführlich werde. Ein Gerät, das eingeschickt und ohne Befund zurückgeschickt wird, erzeugt keinen Umsatz, keine Marge und keine Zufriedenheit. Es ist der einzige Vorgang in unserer ganzen Kette, bei dem alle Beteiligten verlieren – und der einzige, den ein Telefonat verhindert hätte.
Denn merke: »Die teuerste Reklamation ist die, bei der am Ende gar nichts kaputt war.«